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Wir Adlerkinder von Prag -Bildimpuls: Freiheit hinter den Zäunen, fiktive Beschreibung von Tatsachen-
Wir waren so weit gekommen, deshalb konnten wir nicht aufgeben. Zu viele hatten wir bereits zurücklassen müssen. Zuerst an der Grenze, wo die Soldaten etwa sieben unserer Männer unter Arrest stellten, verschleppten. Keine Ahnung, was man mit ihnen anstellen würde – uns, einer Gruppe von nunmehr sechs Personen durfte es nicht genauso ergehen. Daher sind wir vorsichtiger geworden. Wir nutzten Schleichpfade längs der Wälder, möglichst weit weg von den Grenzposten, tagsüber suchten wir Schutz im Unterholz. Das Warten war weit schlimmer als der Gedanke an die Festnahme – erneut der Verlust unserer Freiheit. Die Freiheit, die eine Generation vor uns verspielt hatte. Wegen einer Ideologie eines Wahnsinnigen. Seither waren viele Dekaden in die Lande gezogen und Jahr für Jahr wurden wir Teil eines menschenunwirklichen Systems. Ein System ohne Mitsprache- und Mitgestaltungsrecht. Wir waren die Basis eines Bauwerks der Unwirklichkeit, die Säulen eines Walhalla der Verachtung – unter ständiger Beobachtung und Kontrolle. Lange hatten wir uns das bieten lassen, dann gingen die ersten auf die Straße. Es kamen die ersten Festnahmen, manche von uns verschwanden plötzlich von der Bildfläche und waren nie mehr gesehen. Häuser wurden gestürmt, Unschuldige geprügelt. Die so genannte „Chinesische Lösung“ geisterte durch unser Land und versetzte selbst die härtesten Anhänger unserer Idee in Angst und Schrecken. Schlussendlich blieb uns nur noch eine Möglichkeit: die Flucht. Und viele folgten unserer Idee. Ende Frühjahr bis Anfang Sommer kletterten wir über jeden Zaun in die Wälder der Sorglosigkeit – doch die Grenzpatrouillen waren stets auf der Hut, auch wenn der offizielle Schießbefehl schon vor einigen Monaten ausgesetzt wurde. Heute war der Tag, es war ein trockner Freitagabend, als wir das Gebäude vor uns fixierten. Zwei von uns beobachteten die Wachposten, wie sie den Maschendrahtzaun entlang marschierten. Die Kontrollen wurden verschärft, seit man unsere Kumpels vor der Grenze geschnappt hatte. Sie wussten, dass wir noch hier in der Nähe waren. Und sie wussten auch, dass dieses Gebäude unser Ziel war. Wenn wir es schaffen würden, über den Zaun zu klettern, dem Würgegriff unseres Systems zu entkommen – wir würden in die Geschichte eingehen. Wir würden als Beispiel derer dienen, deren Wunsch nach Freiheit nicht von einem korrupten Staat unterdrückt wurde. Fünfhundert Meter, ein Zaun und zwei Wachposten lagen noch zwischen uns und der Erfüllung jenes Gedanken. Ein Schatten rührte sich in unserer Nähe und einer meiner Kumpels gluckste unruhig. „Weitere Wachposten!“, flüsterte er mir zu. „Wenn sie uns hier entdecken, sind wir geliefert.“ „Bleib einfach geduckt und ruhig“, erwiderte ich so leise es nur ging. „Es wird schon schief gehen.“ „Eben das befürchte ich. Ich bin keine halbe Ewigkeit durch den Osten gelatscht, nur um kurz vor dem Ziel geschnappt zu werden.“ „Halt die Klappe“, antworte ich, diesmal eindringlicher und er gehorchte endlich. Wir duckten uns etwas tiefer, nutzten den Schatten als bestes Versteck. Wir hatten unverschämtes Glück, da die Patrouille uns tatsächlich nicht entdeckte und wieder verschwand. Wie lange würde dieses Glück noch anhalten? „Viel Zeit bleibt uns nicht mehr, Alter“, flüstere ich meinem Kollegen zu und er nickte nur. „Wir warten alle auf dein Zeichen.“ Natürlich taten sie das, ich sollte die Verantwortung für den spärlichen Rest übernehmen. Und wenn es schief ging, würden sie beim Verhör alle meinen Namen nennen. Tolle Freunde hatte ich da, tolle Freunde. Ich überprüfte die Lage ein letztes Mal, dann hob ich langsam meine Hand. Alle hielten den Atem an und irgendwie blieb die Zeit für einen Augenblick stehen. Kein Windhauch zu spüren, keine Geräusche mehr in den Ohren und einen Tunnelblick in Richtung Gebäude, durch den Zaun hindurch. Dann schnellte meine Hand herunter und wir stürmten los. Einer aus der linken Flanke wurde bei seinem Sprintstart von der Seite überrascht und einer der Wachsoldaten packte ihn am Kragen, warf ihn zu Boden. Sein Partner kümmerte sich nicht um ihn, sondern preschte vorbei in Richtung Gebäude. Sein Weg schien erst einmal frei. Die rechte Flanke hatte mehr Glück, da das Schreien und Winden des Gefangenen die Aufmerksamkeit der Patrouille am Zaun auf sich zog. Mit einem Hechtsprung der an einen Torwart beim Elfmeterschießen erinnerte, klammerten sich die beiden Männer an den Zaun und begannen mit dem Aufstieg. Das war der Moment für das Paar in der Mitte – der Moment für meinen Kumpel und mich. Er war schneller aus seinem Versteck gekommen als ich und spurtete los, immer geradeaus, der Freiheit entgegen. Ich versuchte seiner Ferse zu folgen, doch er war einfach schneller als ich. Keine Furcht, ich musste los. So konnte er die Wache passieren, welche sich nun leider mir mit Knüppel entgegenstellte, um mich zu überwältigen. Ich duckte mich unter dem Schlag hinweg und hob mein Knie. Ich verfehlte die empfindlichste Weichteilregion des Soldaten, landete aber einen Treffer an seinem Oberschenkel, der ihn ins Taumeln geraten ließ. Keine Zeit, ich musste weiter. Ich ließ den Soldaten am Boden kauern und nahm Anlauf. Ich hatte etwa ein Viertel der Höhe des Zaunes bereits durch den Sprung überwunden und hoffte, dass das Adrenalin lange genug anhalten würde, um den beschwerlichen Aufstieg zu beschleunigen. Als ich einen kurzen Blick nach rechts riskierte, sah ich zu meinem Entsetzen, dass die beiden Jungs der rechten Flanke von der Hauptpatrouille an den Beinen gepackt und wieder zu Boden gezerrt wurde. Kein Mitleid, ich musste weiter. Ich konnte spüren, wie die Angst kalt meinen Rücken hinaufkraxelte, ähnlich wie ich den Schutzzaun um das Gebäude. Ich hatte die Hälfte bereits geschafft als ich die Vibrationen unter mir spürte. Der Soldat hatte sich an die Verfolgung gemacht und versuchte mich einzuholen. Aus Angst wurde nackte Panik und ich hastete schneller nach oben. Kein Zurück, ich musste es schaffen! Seine Hand packte den Knöchel meines rechten Beines und der Zug war so stark, dass mir beinahe die Finger aus den Gelenken gerissen wurden. Doch ich konnte mich am Zaun halten und ließ einen Schrei aus, um den Schmerz und den Frust zu unterdrücken. Dann begann das Ringen um die Freiheit. Es waren Sekunden, die eine Ewigkeit gingen. Der Soldat war um einiges stärker als ich und riss dermaßen fest an meinem Fuß, dass ich kurz davor war, mir mein Bein unterhalb des Knies mit einem Messer zu amputieren. Wenn ich nur ein Messer gehabt hätte… Ich wusste nicht wie ich es schaffte, doch ein Tritt nach unten traf den Soldaten im Gesicht und dies löste seinen Griff. Ich wartete keine Sekunde länger und kletterte. Kletterte. Kletterte. Kletterte. Und ich erreichte das Ende des Zaunes und ließ mich hinüberrollen. Der Aufprall tat weniger weh, als ich erwartet hatte. Ein dumpfer Druck längs meiner Hüfte, der in den Rücken zog. Doch nach nur wenigen Sekunden war dieser wieder verschwunden – in dem Moment, als ich realisierte, dass ich es geschafft hatte. Ich war an den Soldaten vorbei, ich hatte den Zaun überwunden. Ich stand vor dem Gebäude. Ich stand vor der BRD-Botschaft von Prag.
Es war der 30. September des Jahres 1989, als der Applaus einer Menge Menschen, die dem Beispiel meiner Gruppe gefolgt waren, den Abend erhellte. Als der Außenminister der Bundesrepublik Deutschland verkündete, dass wir in den Westen einreisen durften. In die Freiheit reisen durften. Wir hatten es tatsächlich geschafft, wir waren über den Zaun gesprungen. Wir hatten unser Ziel erreicht: Wir, die Adlerkinder von Prag.
© Benjamin Stadler
Platz 4 beim 1. Kurzgeschichten-Wettbewerb von Dichterplanet.com
_________________ Zitat: Nanatsusaya: Would you like some chips with your whine?
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