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Das öffentliche Nerventgleisen oder auch: Warum ich jeden Tag ein wenig dümmer werde ...
In Zusammenarbeit mit Arachdrakon
Bahnfahren. Ach, was ist das immer für ein Spaß. Grausame Dinge spielen sich ab … in der Bahn … in die ich jeden Tag einsteigen muss, um zur Arbeit zu gelangen. Man könnte jetzt zwar glauben, es seien laute Kinderscharen, bellende Hunde, raubende Räuber, pöbelnde Jugendliche, welche Zeitgenossen wir mir den letzten Nerv zertreten, aber nein! Es sind die „normalen“ Menschen – von denen man vermutet, sie seien wie du und ich. Doch (bei aller Liebe): Sie sind es nicht!
Ich gehe durch den Bahnhof … auf den Bahnsteig … und schon sind sie da: Die älteren Damen. Klein, dick, von hässlichen Pelzimitaten umhangen und mit stumpfem Blick, der alles niederignoriert. Alles – Frauen, Kinder, Hunde und Männer (besonders jedoch jüngere, wie ich) zählen zu ihren Opfern (Katzen nicht, denn die sehen sie ja als Lebensabschnittspartner). Von rechts in die Reihe, an der Tür ohne auch nur einen winzigen Hauch des Verstehens, dass ich, ja ich, ein junger Mann, ganz klar vor ihr an der Tür war. Aber sie marschiert einfach hindurch. Denkt tatsächlich, dass sie noch jung und schön wäre. Noch begehrenswert. Dass man noch alles für sie täte.
Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich sie auch abdränge; wie ich ihnen in den Weg gehe – sie absichtlich mit einem verächtlichen Blick zurück bestrafe. Diese alten, dicken Damen mit ihrer Schminke und ihrem Schmuck, den sie so kleinlich um ihren faltigen Hals arrangieren, um noch ein letztes bisschen Aufmerksamkeit zu ergattern, welche ihnen eigentlich niemand mehr schenken will. Manchmal geht es mir dann besser.
Wenn ich mich dann endlich gesetzt habe und auf die Abfahrt warte, fängt es erst so richtig an: Rascheln von rechts. Der Typ im Anzug isst doch tatsächlich ein riesiges Baguette! Alle Welt möchte in Ruhe zur Arbeit fahren, aber er? Nein. Er packt raschelnd und knisternd; knackend und knirschend sein Baguette aus. Und was für eines! – nicht etwa ein 08/15-Baguette mit Kochschinken und Käse, nein! Es stinkt nach alten Eiern und der Salat ist braun am Rand. Mir wird übel. Ich schaue aus dem Fenster, in der Hoffnung, mein Magen beruhigt sich wieder und wünsche mir ein Loch, in das ich mich verkriechen kann – während er noch vor sich hin raschelt und schmatzt; kaut und – man soll es nicht glauben! – auch noch dümmlich zurückglotzt, als man ihm einen entnervten Blick zuwirft, die alten, fetten Drängel-Omas noch im Hinterkopf … Eine Metallkugel schlägt mit leisem quietschen entlang einer blanken Eisenplatte (meine Nerven).
Zwei Stationen vor dem Aussteigen. Der Zug hält. Natürlich hält er, denn das hier ist ein Bahnhof. Mir wäre natürlich lieber, er hielte nicht, auch wenn hier eine Station ist, denn ich habe schon den nächsten Gebissterroristen entdeckt. Es ist – wie nicht anders zu erwarten – ein älterer Herr. Die Opas … Es wäre ja nun gar nichts Schlimmes an ihnen, wenn da nicht ihr penetrant-permanenter Empörungsdrang wäre. Auch dieses Exemplar liefert ein mehr als anschauliches Exempel.
Nachdem er seinen massigen Körper (ist es zuviel, wenn ich erwähne, dass er auf dem Kopf eine kotzbraune Schifellmütze trägt?) auf den Platz mir gegenüber hingewuchtet hat, beginnt das Gezeter: „Herrschaftszeiten noch einmal, können S’ nicht aufstehn?“ Bitte? Hat der Quengelopa etwa gerade mich gemeint? Noch das Stationsschild vor meinem geistigen Auge, wende ich meinen Kopf. „Ja, haben S’ keine Augn im Kopf?“ Drohend macht er eine Handbewegung von mir zu meiner Linken. Neben dem Eier-Baguette-Hitler steht eine junge Frau mit ihrem kleinen Kind. „Lassen S’ die Dame hinsetzn!“, gebietet mir die rauchentstellte Stimme. Als gütiger Mensch, der ich ja doch hie und da bin, lifte ich meinen Hintern vom Sitz. „Bitteschön“, sage ich zu der „Dame“. Mühsam schiebe ich mich zwischen den Beinen des Quengelopas und des Baguette-Hitlers vorbei und stelle mich schließlich zur Tür. Zwei Stationen noch, Gott sei’s gedankt!
Ganz allgemein betrachtet sind die Menschen, die jeden Tag in die Bahn einsteigen, nur ein weiterer Haufen auf dem Berg Exkremente, durch die wir uns jeden Tag wühlen müssen. Ob es nun die Irre in Minirock mit Tulpenmuster und Hauspantoffeln ist (bei -5 °C im Dezember), welche eine Station vorher einstieg, und nun wimmernd und wippend zwei Bänke hinter einem sitzt, oder ob es die Gebissterroristen sind, die uns um den Verstand bringen mit ihrem Geraschel und Gemecker, ihrem Gedrängel und Raufhändel. Wir müssen irgendwie unseren Alltag meistern, und in dieser Welt sind die anderen Menschen einfach keine Hilfe.
Wir müssen uns selbst helfen. Dann hilft uns Gott. Oder so ähnlich.
_________________ Regelwerk
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